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Ferdinands Schuld und Wandlung

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Verschwendung zugeben würde.  Hätte er länger gelebt, hätte er klar eingesehen, daß sein Enkel auch wert ist zu genießen, so hätte er vielleicht in dem Testament mein früheres Glück entschieden.  Sogar habe ich gehört, daß der Großvater eben vom Tode übereilt worden, da er seinen letzten Willen aufzusetzen gedachte, und so hat vielleicht bloß der Zufall mir meinen frühern Anteil an einem Vermögen entzogen, den ich, wenn mein Vater so zu wirtschaften fortfährt, wohl gar auf immer verlieren kann." Mit diesen und anderen Sophistereien über Besitz und Recht, über die Frage, ob man ein Gesetz oder eine Einrichtung, zu denen man seine Stimme nicht gegeben, zu befolgen brauche, und inwiefern es dem Menschen erlaubt sei, im stillen von den bürgerlichen Gesetzen abzuweichen, beschäftigte er sich oft in seinen einsamen, verdrießlichsten Stunden, wenn er irgend aus Mangel des baren Geldes eine Lustpartie oder eine andere angenehme Gesellschaft ausschlagen mußte.  Denn schon hatte er kleine Sachen von Wert, die er besaß, vertrödelt, und sein gewöhnliches Taschengeld wollte keineswegs hinreichen. Sein Gemüt verschloß sich, und man kann sagen, daß er in diesen Augenblicken seine Mutter nicht achtete, die ihm nicht helfen konnte, und seinen Vater haßte, der ihm nach seiner Meinung überall im Wege stand. Zu eben der Zeit machte er eine Entdeckung, die seinen Unwillen noch mehr erregte.  Er bemerkte, daß sein Vater nicht allein kein guter, sondern auch ein unordentlicher Haushälter war.  Denn er nahm oft aus seinem Schreibtische in der Geschwindigkeit Geld, ohne es aufzuzeichnen, und fing nachher manchmal wieder an zu zählen und zu rechnen und schien verdrießlich, daß die Summen mit der Kasse nicht übereinstimmen wollten.  Der Sohn machte diese Bemerkung mehrmals, und um so empfindlicher ward es ihm, wenn er zu eben der Zeit, da der Vater nur geradezu in das Geld hineingriff, einen entschiedenen Mangel spürte.Zu dieser Gemütsstimmung traf ein sonderbarer Zufall, der ihm eine reizende Gelegenheit gab, dasjenige zu tun, wozu er nur einen dunkeln und unentschiedenen Trieb gefühlt hatte. Sein Vater gab ihm den Auftrag, einen Kasten alter Briefe durchzusehen und zu ordnen.  Eines Sonntags, da er allein war, trug er ihn durch das Zimmer, wo der Schreibtisch stand, der des Vaters Kasse enthielt. Der Kasten war schwer; er hatte ihn unrecht gefaßt und wollte ihn einen Augenblick absetzen oder vielmehr nur anlehnen.  Unvermögend, ihn zu halten, stieß er gewaltsam an die Ecke des Schreibtisches, und der Deckel desselben flog auf.  Er sah nun alle die Rollen vor sich liegen, zu denen er manchmal nur hineingeschielt hatte, setzte seinen Kasten nieder und nahm, ohne zu denken und zu überlegen, eine Rolle von der Seite weg, wo der Vater gewöhnlich sein Geld zu willkürlichen Ausgaben herzunehmen schien.  Er drückte den Schreibtisch wieder zu und versuchte den Seitenstoß: der Deckel flog jedes Mal auf, und es war so gut, als wenn er den Schlüssel zum Pulte gehabt hätte.
  
Faust I und II und Urfaust (Gebundene Ausgabe)
von Johann W. von Goethe
Siehe auch:
Johann Wolfgang Goethe: Faust I. Lektüreschlüssel
von Wolfgang Kröger
Die Leiden des jungen Werther
von Johann Wolfgang von Goethe
Romeo und Julia / Othello / Hamlet / Macbeth / König Lear / Coriolanus / Der Sommernachtstraum / Der Widerspenstigen Zähmung / Viel Lärm um Nichts / Die lustigen Weiber von Windsor / Was Ihr wollt / Ende gut, alles gut
von William Shakespeare
Also sprach Zarathustra
von Friedrich Nietzsche
 
    
     
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